Studentische Partizipation als Politikfeld

Vor ein paar Tagen fiel mir noch mal ein altes Lehrbuch aus meinem Studium in die Hände und ich habe mir meine alten Notizen angeschaut. Daraus habe ich einige Erkenntnisse gezogen, die politikwissenschaftlich vielleicht nicht ganz sauber sind. Aber ein Blog ist ja auch kein Lehrbuch 😉

Nehmen wir mal an, studentische Partizipation in der Hochschullehre sei ein Politikfeld, das wir analysieren können. Dann könnten wir anhand der Politikfeldanalyse erklären, wieso studentische Partizipation in der Hochschullehre in dem Maße verankert ist, wie es heute an der UHH der Fall ist.

Im Verständnis der meisten Policy-Forscher ist die Politikfeldanalyse sowohl eine interaktions- als auch eine problemorientierte Wissenschaft. Sie ist interaktionsorientiert, da sie konkrete politische Entscheidungsfindungsprozesse analysiert und das Zustandekommen der in der Praxis verwirklichten Lösungen erklärt. Sie ist aber auch problemorientiert, da sie zur Lösung politisch-inhaltlicher Fragen beitragen will bzw. nach besten Lösungen sucht. ¹

Bild von Ricarda Mölck auf Pixabay

Also welche Entscheidungsfindungsprozesse stecken z. B. hinter dem hamburgischen Hochschulgesetz, der Prüfungsordnung oder dem Leitbild der UHH? Welche Inhalte beziehen sich dabei auf studentische Partizipation in der Hochschullehre? Welche Interessen, Konflikte und Kämpfe, haben auf diese Entscheidungsfindungsprozze Einfluss genommen?

Partizipation in der Hochschullehre steht unter dem Einfluss höchst unterschiedlicher Voraussetzungen und Rahmenbedingungen. Dazu gehören rechtliche Vorgaben, curriculare Entscheidungen, hochschulpolitische Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sowie weiterer Instanzen, die einen Handlungsrahmen setzen, der dann von der Landespolitik und den zuständigen Gremien der Universität Hamburg durch entsprechende Beschlüsse auszufüllen ist.

Den oben skizzierten Fragen nachzugehen, ist also für viele Ebenen und Aspekte sinnvoll. Wir werden das in unsere Arbeit einbeziehen und auf diesem Blog weiter darüber berichten und zentrale Erkenntnisse auf dem nächsten Partizipationslabor vorstellen.

Bis dahin freuen wir uns vor allem über Hinweise, welche Studien, Bücher und Konzepte wir noch in unsere Arbeit einfließen lassen sollen:


Schubert, Klaus & Nils C. Bandelow. 2009. Politikfeldanalyse: Dimensionen und Fragestellungen. (Ed.) Nils C. Bandelow & Klaus Schubert. Lehrbuch der Politikfeldanalyse 2.0. München: Odenbourg Verlag.

Durch Partizipation für morgen befähigen

Der Stifterverband hat zusammen mit McKinsey den Hochschulbildungsreport 2020 veröffentlicht. Betitelt ist dieser Report mit “Für morgen befähigen”. Mich hat dieser Titel sofort angesprochen, da auch wir es als unsere Aufgabe verstehen, die Lehrenden und Studierenden auf Herausforderungen ihrer Zukunft vorzubereiten. Daher habe ich den Report einmal mit meiner rosaroten Partizipationsbrille gelesen.

Der Hochschulbildungsreport beschäftigt sich zu Beginn mit der Darstellung des Hochschul-Bildungs-Index. Auf diesen Index will ich nicht weiter eingehen, aber die Weiterentwicklung der Hochschulbildung verläuft demnach nicht so positiv wie erhofft.

Des Weiteren und hauptsächlich beschäftigt sich der Report  mit eigens aufgestellten Future Skills. Future Skills sind demnach Kompetenzen, Fähigkeiten und Eigenschaften, die in den nächsten fünf Jahren für das Berufsleben und/oder die gesellschaftliche Teilhabe deutlich wichtiger werden und zwar über alle Branchen und Industriezweige hinweg. Diese wurden durch Workshops, Befragungen und Interviews herausgearbeitet. Fokusthema des Berichts ist die Quartäre Bildung (wissenschaftliche Weiterbildung). Für die Hochschulen werden vier Empfehlungen formuliert. Für die Politik nochmal drei. Durch die Umsetzungen dieser Empfehlungen sollen Universitäten besser dazu beitragen können, die von der Wirtschaft benötigten Future-Skills herauszubilden.

Diese gliedern sich in technologische Fähigkeiten, digitale Schlüsselqualifikationen und nichtdigitale Schlüsselqualifikationen. Hochschulen sollten  Lehrstrategien entwickeln, die neben klassischen Lehrformaten auch aktivierende Formen der Lehre enthalten. Hierzu zählen Ansätze des problem-  und projektorientierten Lernens sowie die Vermittlung von innovativen Methodenkompetenzen wie Design Thinking.   Projektbasierte Lernmodule ermöglichen den Studierenden demnach, kooperativ über die Grenzen der Hochschule hinaus zu denken und mit Partnern aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten.

Und hier kommt dann die studentische Partizipation ins Spiel. Projektorientiertes Lernen ist oft mit einem hohen Aufwand verbunden (für Lehrende und Studierende), der sicherlich eher auf Akzeptanz stößt, wenn die Studierenden die Projekte selbst mit auswählen können. Die direkte Zusammenarbeit mit Partnern aus der Wirtschaft und Zivilgesellschaft ist vermutlich fruchtbarer, wenn sie den Studierenden nicht aufgezwungen erscheint, sondern ihren Interessen entspricht.

Aus den oben erwähnten Interviews hat sich herauskristallisiert, dass die wichtigste Kompetenz, welche die meisten Mitarbeiter in Zukunft benötigen (werden),  die Fähigkeit zur Kollaboration ist, die zunehmend durch digitale Technologien unterstützt und geprägt sein wird: Neun von zehn Mitarbeitern sollten sie beherrschen können. Wichtig wird diese Fähigkeit demnach vor allem aufgrund des Trends in Unternehmenskulturen hin zu flexiblen Arbeitszeiten, agilen Arbeits- und Co-Working-Kulturen sowie Angeboten zu ortsungebundener Arbeit und Homeoffice.

Aus meiner Sicht können z.B. Seminare nur dann auf eine solche Arbeitswelt  vorbereiten, wenn sie selbst entsprechend angelegt sind.  Und damit Lehre auch unter diesen Umständen erfolgreich sein kann, würde ich empfehlen, die Studierenden hier partizipativ einzubinden. Ein solches Konzept zu entwickeln, in dem alle in diesem Beitrag aufgeführten Punkte berücksichtigt werden, finde ich sehr spannend. Mit einer Kollegin aus der UHH werde ich mich dran setzen, das mal auszuprobieren. Vor allem Studierende, die Lust haben, ein solches Konzept mit zu entwickeln, können sich gerne bei uns melden.

Positive Emotionen, Kommunikation und Feedback in Lehrveranstaltungen

Fabian Wagner schrieb ein Buch über das Thema Hochschullehre und verfolgt damit das Ziel, etwas Anderes zu publizieren als „lange Methodensammlungen und Anleitungen“. Er versteht sein Buch eher als einen Wegweiser für Lehrende. Mehr als ein Wegweiser kann es auch gar nicht sein, denn Fabian Wagner selbst ist kein Lehrender, er zieht seine Schlüsse aus der Leitung von Tutorien während seines Studiums und aus einer Tätigkeit als Nachhilfelehrer. Er nennt hierbei den Vorteil, dass er so nicht an sogenannter „Betriebsblindheit“ leide. Für mich ist es fraglich, ob jemand mit kaum eigener Lehrerfahrung einen Ratgeber für Lehrende schreiben kann. Die Hinweise sind theoretisch kaum fundiert und die Umsetzbarkeit der Tipps ist nicht erprobt.

Nichtsdestotrotz finde ich, dass einige Hinweise aus dem Buch für einen ersten Anstoß zur Reflexion von Lehrveranstaltungen gut sind, was ich allerdings nur aus meiner Rolle als Studentin heraus beurteilen kann. Deshalb werde ich meine Meinung zu einigen von Wagner gemachten Äußerungen, vor allem die, die sich mit Partizipation in Verbindung bringen lassen, aufschreiben.

Wer Partizipation in seine Lehre einbauen möchte, kann in dem Buch einige Denkanstöße erhalten. Es wird zwar (außer ich habe es übersehen) nicht direkt das Wort „Partizipation“ genutzt, aber trotzdem lassen sich Aspekte von Partizipation in dem Buch finden. Diese Aspekte haben fast immer die Intention, dass Lehre sowohl für Studierende als auch für Lehrende spannender und effektvoller wird und zeitgleich mehr Spaß macht. Seit einiger Zeit arbeiten wir schon an dem Thema studentische Partizipation in der Hochschullehre, aber wir haben bisher wenig Literatur dazu gefunden. Falls jemand von unseren Leser*innen Literaturvorschläge für uns hat, freuen wir uns jederzeit über Hinweise.

 

Ich habe mich gefreut, dass das Buch  (zwar indirekt) das Thema studentische Partizipation beinhaltet.

Fabian Wagner geht von der Grundannahme aus, dass Lernprozesse durch positive Emotionen verbessert werden und beruft sich dabei auf die Arbeit des Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther. Ohne mich näher mit der Arbeit von Hüther befasst zu haben (die Arbeit wird im Buch auch nicht näher beschrieben), stimme ich dieser Aussage zunächst einmal zu. Ich würde schon sagen, dass ich in Lehrveranstaltungen, in denen ich positive Emotionen verspürte, mehr gelernt habe als in anderen Veranstaltungen. Die positiven Emotionen wurden bei mir z. B. durch Interesse am Thema, eine anschauliche Lehrmethode des Lehrenden oder auch durch einen persönlichen Lernerfolg hervorgerufen.

Die Wichtigkeit von Kommunikation zwischen Teilnehmenden in Lehrveranstaltungen wird von Fabian Wagner betont, was ich ebenfalls aus meinen Erfahrungen heraus unterstütze. Ich denke, dass Kommunikation für eine angenehme und gute Atmosphäre sorgen kann (was sich wiederum mit den positiven Emotionen in Verbindung bringen lässt) und einen Austausch auf Augenhöhe ermöglicht. Der Autor plädiert dafür, dass bereits zu Beginn des Semesters ein Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden passiert, bei dem sich beispielsweise über Hintergründe, Vorerfahrungen und Wünsche ausgetauscht wird. Ich denke, dass dieser Austausch einen ersten Anstoß für eine gute Kommunikation in der Veranstaltung bietet, habe es allerdings auch schon erlebt, dass am Anfang der Veranstaltung solch ein Austausch stattfand, danach allerdings keine weitere nennenswerte Kommunikation vonstattenging.

Zum Thema der Kommunikation passt auch, dass Fabian Wagner Lehrenden dazu rät, die Studierenden nach ihren Meinungen zu neuen Methoden in der Veranstaltung zu fragen. Dies habe ich selber noch nicht miterlebt, könnte es mir aber ganz gut vorstellen, denn Feedback kann ja auch einfach mal zwischendurch zu bestimmten Methoden gegeben werden und muss sich nicht immer auf die komplette Veranstaltung beziehen oder kann nur am Ende gegeben werden. So würde ich mich als Studentin ernstgenommen fühlen und hätte die Möglichkeit, die Veranstaltung partizipativ zu beeinflussen, falls mir etwas nicht gefällt.

Wagners Buch steckt voller kleiner Ansätze, die mit unserem Partizipationsansatz übereinstimmen. In diesem Blogbeitrag sind davon natürlich noch nicht alle Ansätze aufgegriffen. Bei dem Buch sollte nicht mit einem großen theoretischen Fundament oder mit Hinweisen eines Autors mit viel eigener Lehrerfahrung gerechnet werden, sondern eher mit einem praktischen Wegweiser.

Falls Du das Buch auch gelesen hast und mir deine Meinung darüber mitteilen möchtest, freue ich mich über jeden Kommentar unter diesem Beitrag. Jede*r, der*die meine hier beschriebenen Erfahrungen ergänzen möchte, ist ebenfalls herzlich dazu eingeladen, einen Kommentar zu verfassen.

Vierte bundesweite Konferenz für studentische Forschung in Kiel

Am 26. und 27.9. 2019 findet in Kiel die vierte bundesweite Konferenz für studentische Forschung statt. Ausgerichtet wird sie vom „Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen“ gemeinsam mit Studierenden der Uni Kiel. Dieses Jahr lautet der Konferenz-Titel „Forschung vermitteln, Lehre voranbringen, Gesellschaft gestalten“ und soll Raum für Studierende bieten, ihre Forschungsarbeiten und studentischen Lehrprojekte vorzustellen und zu diskutieren.

Die letzte bundesweite studentische Konferenz tagte letztes Jahr an der Uni Bochum und einige unserer KollegInnen vom Universitätskolleg waren vor Ort und haben berichtet. Ging es dort noch unter dem Titel „Forschen und Lehren in studentischer Hand“ stärker um Selbstorganisationsprozesse von Studierenden, wird mit der vierten Konferenz der Praxis-Transfer in den Fokus gerückt – Studierende als Gestaltende von Forschung, Lehre und Gesellschaft.

Mir gefällt diese Entwicklung sehr gut, da ich denke, dass Studierende Lehre und Forschung verbessern können, indem sie sich partizipativ bei der Gestaltung einbringen. Studierende können praxisrelevante Beispiele aus ihrer Lebenswelt einbringen, mit persönlicherem Bezug lernen und dazu beitragen, die Lehr- und Forschungsgegenstände zu aktualisieren. Mit der Erweiterung auf den Praxis-Transfer gewinnt dieser Aspekt auf den studentischen Konferenzen noch mehr Gewicht und formuliert berechtigterweise den Anspruch, mit der eigenen Forschungs- und Projektarbeit an der Gestaltung der Gesellschaft zu partizipieren. Das stiftet Sinn und eröffnet Perspektiven für Studierende, sich noch mehr als handelnde Subjekte zu begreifen, die jede Lebenssituation (so auch Lehre und Studium) durch ihr Handeln beeinflussen.

Darüber hinaus lernen Studierende auf den Konferenzen auch von Studierenden und ermöglichen Lernprozesse für Studierende. Nicht nur die Wahl des Forschungsgegenstandes, der Fragestellung und der Erkenntnishaltung, sondern auch die Durchführung von Forschungsmethoden, die Bewertung der Ergebnisse und ihre Publikation gewinnen so mehr an Plastizität und rücken für die anderen Teilnehmenden dadurch in greifbarere Nähe. Gleiches gilt für die Auswahl, Planung und Durchführung von Lehrprojekten: Mit welcher Haltung begegne ich Lernenden (und umgekehrt: Mit welcher Haltung begegnen Studierende Lehrenden)? Welches Handwerkszeug wird dafür benötigt und vor welche Herausforderungen werden Lehrende gestellt? All’ diese Fragen werden Ende September in Kiel thematisiert – und dokumentierbar sein, weshalb ich an dieser Stelle eine starke Teilnahmeempfehlung aussprechen möchte.

Die Teilnahme ist kostenlos und die Anmeldung läuft noch bis zum 31. August.