“Nur so können sie effektiv etwas lernen”

Wir haben uns gefragt, wie studentische Partizipation in der Lehre zurzeit an der Uni Hamburg gelebt wird und haben dazu Kea Glaß, die Leiterin des Projektbüros angewandte Sozialforschung interviewt. Sie schilderte uns anhand ihrer Veranstaltung zum Thema “Gemeinsam alt werden in Bergedorf” wie und warum sie Studierende an der Lehrgestaltung beteiligt. Die Veranstaltung geht über ein Jahr und orientiert sich an den Ansätzen des forschenden Lernens und des Community-based Research. Zusammen mit der Körber-Stiftung arbeiten die Studierenden an der Konzeption eines Hauses für Menschen ab 50.

Wie können Studierende in deiner Lehrveranstaltung partizipieren?

Das fängt bei mir schon sehr früh an: In der ersten Lehrveranstaltung teile ich einen Fragebogen aus, mit dem die Studierenden einschätzen sollen, wie der Stand ihres Methodenwissens ist. Dabei betone ich, dass sie sich lieber schlechter als besser einschätzen sollen, da ich ihnen zu den Themen, bei denen sie sich gut einschätzen, keinen Input mehr geben werde. Dazu mache ich ihnen deutlich, dass sie an dieser Stelle die Lehrinhalte mit festlegen und dass ich anhand ihrer Rückmeldungen die Lehrveranstaltung individuell plane – zum Teil auch direkt in der Lehrveranstaltung, wenn die Studierenden Bedarfe äußern, dass wir auf etwas Anderes, als was ich an diesem Tag geplant habe, nochmal genauer eingehen. Ansonsten plane ich gemeinsam mit den Studierenden – anhand von Feedback-Gesprächen und Reflektionsschleifen – semesterübergreifend die Termine, die Inhalte und sogar die Pausenzeiten der Lehrveranstaltungen.

Wie genau setzt du die Feedback-Gespräche um?

Ich frage nach jeder Sitzung, wie die Studierenden sie fanden und zum Anfang der Veranstaltung stelle ich den Tagesplan vor und frage, ob sie noch etwas brauchen und ob sie mit dem Plan einverstanden sind. Darüber hinaus geben mir einige Studierenden auch in der Pause oder nach der Veranstaltung Rückmeldungen. Viel läuft auch über E-Mail, da ich sehr eng in Kontakt mit den Gruppen bin und ich auch frage, wie es läuft, wenn sie zu mir in die Sprechstunde kommen. Ich denke, da ich so viel Feedback einfordere, weiß ich mittlerweile ganz gut, was sie bewegt.

Welche Herausforderungen hast du so in deiner Veranstaltung bei deinen Studierenden erleben können?

Einerseits ist das sicher die sehr intensive Gruppenarbeit über ein Jahr mit hohem Zeitaufwand für die Fahrten nach Bergedorf, die Koordination in den Gruppen sowie mit dem Kooperationspartner. Andererseits sind sie auch Repräsentanten der Uni Hamburg sowie des Projektbüros Angewandte Sozialforschung. Dazu standen sie anfangs vor der Herausforderung, die Community-Mitglieder zur Co-Forschung zu befähigen. Das benötigte viel Vorbereitungszeit am Anfang des Semesters und viel Eigeninitiative seitens der Studierenden. Die Rückmeldung, dass das erste Semester schlussendlich zu eng getaktet war, habe ich auch mitgenommen und daraus abgeleitet, den Plan für die erste Hälfte des Seminars zukünftig deutlich zu strecken.

Was wünscht du dir auf der anderen Seite von den Studierenden, die an deinem Seminar teilnehmen?

Ich wünsche mir engagierte Studierende, die Lust haben, mitzudenken und das ist meist der Fall und das mag ich. Es gibt ein paar, die den Forschungsansatz oder das Thema nicht gut finden, aber ich denke diese merken dann später, dass sie doch einiges mitgenommen haben – das hoffe ich zumindest. Ich sehe auch den Nutzen für die Gesellschaft als Idee hinter dem Community-based Research Ansatz: sozialen Wandel mitzugestalten und anzustoßen. So können die Studierenden selber sagen: „Jetzt kann ich auch mal etwas bewirken mit meinem Studium und endlich kann ich mal sehen, wofür das alles gut ist, was ich lerne.“

Warum liegt dir dabei gerade studentische Partizipation am Herzen?

Das treibt mich schon sehr lange um: Schon als Studentin habe ich hier im Projektbüro Angewandte Sozialforschung gearbeitet und die Idee des Büros ist, dass Studierende ihr Wissen in der Praxis anwenden können. Gerade die Sozialwissenschaften gelten aber als sehr theorielastig. Beispielsweise produzieren Studierende in sehr arbeitsintensiven Lehrveranstaltungen oft nur Hausarbeiten für die Schreibtischschublade des Profs. Deshalb haben wir gesagt: Es gibt so viele interessante Fragestellungen da draußen und so viele zivilgesellschaftliche AkteurInnen, die Forschungsfragen zur Verbesserung ihrer Praxis haben, um so letztendlich der Gesellschaft etwas zurückgeben zu können. Dabei können die Studierenden so viel lernen.

Also schöpfst du viel aus persönlicher Erfahrung?

Ja, durch meine frühe Mitarbeit an Forschungsdesigns war ich beispielsweise im Vergleich zu vielen meiner KommilitonInnen gefühlt oft viel weiter. Diese Mitarbeit habe ich aber eher im Projektbüro und weniger in meinen Lehrveranstaltungen verwirklichen können. Ich habe von meinen Lehrenden auch immer wenig Feedback zu meinen Hausarbeiten erhalten und es hat sich nie jemand mit mir hingesetzt und ist mal einen Forschungsprozess von Anfang bis Ende mit mir durchgegangen. Deshalb möchte ich das anders machen und dafür Sorge tragen, dass die Studierenden bei mir etwas lernen und beschäftigungsfähig werden für ihr späteres Berufsleben. Dafür frage ich: „Was braucht ihr dafür tatsächlich?“ Nur so funktioniert das. Deshalb ist es wichtig, ihre Meinungen zu hören und so bringt es ihnen auch Spaß.

Wie sähe für dich die ideale Lehrveranstaltung aus?

Eigentlich so wie meine: Praxisnah mit Praxispartnern und den Studierenden gemeinsam gesellschaftsrelevante Themen zu bearbeiten. Denn: Wann hat man – gerade im Bachelor-/Mastersystem – schon Mal die Möglichkeit wirklich frei zu forschen? Wirklich forschendes Lernen zu betreiben? Deshalb ist es auch eine Blockveranstaltung, sodass die Studierenden die Zeit haben, rauszugehen, um Erfahrungen zu sammeln und nicht wöchentlich ihre Stunden im Seminarraum absitzen zu müssen. Ich glaube, dass nur das wirklich etwas bringt. Es ist für viele eine Herausforderung und ich denke für viele ist es auch anstrengend, weil sie selbst aktiv werden müssen, aber ich denke nur so können sie effektiv etwas lernen.

Das Interview führten Kathrin Gogolin und Janina Hemerka.

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